Carrozzeria Castagna

1849 - 1954, Italien

Im zarten Alter von neun Jahren begann Carlo Castagna (1840-1914) bei dem renommierten Kutschenbauer Mainetti & Orseniga seine Ausbildung. Der Lehrbetrieb produzierte bereits seit mehr als 100 Jahren Wagen für die Aristokratie und die Königshäuser Europas. Castagna arbeitete sich nach oben und übernahm 1894 unter dem neuen Namen C Castagna & Co. die Firma. Er behielt sowohl die Instandhaltung als auch die Herstellung der hochherrschaftlichen Kutschen bei, beschäftigte sich jedoch bereits mit dem Karosseriebau für Automobile.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand in der Karosserieschmiede das erste Automobil mit Verbrennungsmotor. Dieses Symbol des neuen Industriezeitalters kam bei den wohlhabenden, angesehenen Familien schnell in Mode. Dank einer modernen Anlage konnte die Carrozzeria Castagna für Königin Margherita von Savoyen bereits 1905 einen weißen Doppel-Phaeton bauen. Er basierte auf dem Chassis des Fiat 24-32 HP. 1913 entwickelte Castagna den Alfa 40-60 HP Castagna Aerodynamik. Inspiriert hatte den Designer die Luftschifffahrt. Das an den Zeppelin angelehnte Modell gilt inzwischen als das erste Beispiel eines Minivans in der Automobilgeschichte. Zu bewundern ist dieses etwas merkwürdig anmutende Gefährt heute im Museo Storico Alfa Romeo in Arese

Nachdem Carlo Castagna im Ersten Weltkrieg gefallen war, übernahm sein Sohn Ercole die Firma und arbeitete dort als Designer. Die nun verwendeten Fahrgestelle stammten unter anderem von Alfa Romeo, Daimler, Benz und Isotta Fraschini. Schnell entwickelte sich die hohe Verarbeitungsqualität in Verbindung mit den wiederkehrenden Stilelementen aus dem Art déco zum Markenzeichen der Carrozzeria Castagna. Typisch für die Modelle waren große Scheinwerfer, in das Trittbrett integrierte Werkzeugkisten, auf den hinteren Kotflügeln hochlaufende Chromleisten sowie ein flamboyantes Interieur aus Holz und Polstern. Internationale Bekanntheit erlangte das Unternehmen in New York mit der Limousine Prinz of Wales auf einem Isotta Fraschini Chassis und dem Roadster Commodore Isotta Fraschini auf einem Mercedes-Benz-Fahrgestell.

Mai 1929 traten die drei Söhne Ercoles in die Firma ein. Der schwarze Freitag im Oktober 1929 beendete den Absatz von Luxusfahrzeugen in den USA. Renommierte Marken wie Isotta mussten Konkurs anmelden, Alfa Romeo wechselte zum günstigeren Karosseriebauer Carrozzeria Touring. Der Verlust von Aufträgen führte bis weit in die 1930er Jahre zu angespannten Verhältnissen.

1939 übernahm Emilio Castagna nach seinem Abschluss an der Accademia di Brera das Familienunternehmen. Sein Schwerpunkt lag auf neuen Lösungen und Techniken. Der kurz nach der Übernahme begonnene Zweite Weltkrieg wirkte sich verheerend auf die Carrozzeria Castagna aus. Trotz der Zerstörung des Werks in Venegono im Jahr 1942 gab die Familie nicht auf. Aufträge von Alfa Romeo und Lancia konnten den Betrieb allerdings nicht mehr retten, 1953 musste das Traditionsunternehmen Konkurs anmelden.

Für Alfa Romeo baute die Carrozzeria Casagna unter anderem den 1900 SS, C Castagna 1750 GS, 6C Castagna 2300B Cabriolet, 6C 2500 Sport Berlinetta, 8C 2300 Drophead Coupé, RL SS Corto Torpedo sowie 1924 den RM Sport 1924, 1931 den 6C Castagna 1750 GT und 1934 den 6c 2300 GT.

Gioaccino Acampora und Umberto Pietra erwarben 1994 die Rechte an dem Namen Castagna und ließen damit die Carrozzeria Castagna wieder aufleben. Ihre ersten sehr unkonventionellen Entwürfe basierten auf Modellen von Alfa Romeo, Ferrari, Maserati, Bently und der Corvette. Wirklich bekannt wurde die neue Carrozzeria Casagne jedoch erst mit dem Mini. Inzwischen hat sich die Karosserieschmiede im Hauptgeschäft auf Sonderkarosserien sowie das Tuning von Großserienfahrzeugen spezialisiert.

Carrozzeria Castagna

24 HP

1910 Alfa Romeo 24 HP

R.L. Super Sport

1925 Alfa Romeo R.L. Super Sport Castagna

8C 2300

1933 Alfa Romeo 8C 2300 Lungo Spider Castagna

8C 2300

Alfa Romeo 8C 2300 Drophead Coupe Castagna

6C 2300 B Gran Turismo

1937 Alfa Romeo 6C 2300 B Gran Turismo Castagna